Autor: Dr. Thomas Brandt, Leiter der Abteilung Arbeitsmarktanalyse am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
Datum: 7. November 2025
Was ist passiert?
Im Jahr 2025 zeigt der deutsche Arbeitsmarkt ein zunehmend gespaltenes Bild: Während in Branchen wie IT, Pflege, erneuerbare Energien und Handwerk die Löhne deutlich steigen – teilweise um 6–8 % jährlich – stagnieren Gehälter in klassischen Industrie- oder Verwaltungsbereichen bei 2–3 %. Laut dem aktuellen „Lohnmonitor“ des IAB (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung) liegt der durchschnittliche Bruttostundenlohn in Deutschland bei 25,80 €, doch die Lohnungleichheit wächst: Beschäftigte mit digitalen oder sozialen Schlüsselkompetenzen erzielen deutlich höhere Einkommen als jene in standardisierten Tätigkeiten. Gleichzeitig gewinnen flexible Arbeitsmodelle wie Projektarbeit, Teilzeit-Führung oder Remote-Jobs Einfluss auf die Gehaltsgestaltung.
Warum ist das wichtig?
Löhne sind mehr als Zahlen auf dem Konto – sie spiegeln Wertschätzung, Marktwert und berufliche Zukunftsfähigkeit wider. Für Arbeitnehmer bedeutet die aktuelle Entwicklung: Wer nicht mit der Zeit geht, riskiert, im Gehaltsrennen abgehängt zu werden. Für Unternehmen birgt die Situation eine doppelte Herausforderung: Einerseits steigen Personalkosten in Mangelberufen, andererseits sinkt die Motivation in Bereichen mit stagnierenden Einkommen. Langfristig könnte dies zu einer Neuverteilung von Talenten führen – weg aus traditionellen Branchen hin zu Zukunftssektoren.
Expertenanalyse
„Wir erleben keine allgemeine Lohnexplosion, sondern eine Kompetenzprämie“, erklärt Dr. Brandt. „Der Markt belohnt nicht mehr nur Berufserfahrung, sondern vor allem Fähigkeiten, die in der digitalen und grünen Transformation gefragt sind.“ Besonders stark nachgefragt seien hybride Profile: IT-Spezialisten mit Branchenwissen, Pflegekräfte mit digitaler Affinität oder Handwerker mit Energieberatungs-Know-how. Kritisch sieht er die Lohnlücke zwischen Ost und West: „Trotz Angleichung bleibt der Osten bei vergleichbaren Tätigkeiten oft 10–15 % hinterher – ein strukturelles Problem.“ Zudem betont er: „Tarifbindung schützt – doch sie greift nur, wo Gewerkschaften stark sind. Im digitalen Sektor fehlen oft kollektive Standards.“
Praktische Tipps für Arbeitnehmer
- Analysieren Sie Ihren Marktwert: Nutzen Sie Gehaltsportale wie Gehalt.de, Kununu oder StepStone, um Ihre Position im Branchenvergleich zu prüfen.
- Sammeln Sie nachweisbare Kompetenzen: Zertifikate in KI-Grundlagen, Projektmanagement (z. B. IPMA) oder Nachhaltigkeit stärken Ihre Verhandlungsposition.
- Nutzen Sie Tarifverhandlungen: Informieren Sie sich über tarifliche Entwicklungen in Ihrer Branche – viele Arbeitgeber übernehmen Tarifabschlüsse auch für Nicht-IG-Metall-Mitglieder.
- Verhandeln Sie ganzheitlich: Wenn das Gehalt nicht steigt, fragen Sie nach Weiterbildungsbudget, Homeoffice-Optionen oder Sabbaticals – alternative Wertschöpfung zählt.
- Bleiben Sie mobil: In stark nachgefragten Berufen lohnt sich der Wechsel – oft bringt ein Arbeitgeberwechsel mehr als jahrelange Loyalität beim alten Arbeitgeber.
Fazit
Der Arbeitsmarkt 2025 belohnt nicht Loyalität, sondern Relevanz. Wer kontinuierlich in seine Kompetenzen investiert und seinen Marktwert kennt, kann aktiv Einfluss auf sein Einkommen nehmen. Die Lohnentwicklung wird zunehmend individueller – und damit machtvoller für den Einzelnen. Wie Dr. Brandt abschließend betont: „Ihr Gehalt ist kein Schicksal – es ist ein Spiegel Ihrer Wertschöpfung. Und die können Sie gestalten.“