Autorin: Dr. Sabine Meier, Leiterin des Kompetenzzentrums für lebenslanges Lernen am Institut für Berufliche Bildung (Hannover)
Datum: 8. November 2025
Was ist passiert?
Im Jahr 2025 verzeichnen Agenturen für Arbeit und Bildungsträger einen deutlichen Anstieg an Umschulungsanträgen von Menschen über 40: Allein im ersten Halbjahr stieg die Zahl um 22 % im Vergleich zum Vorjahr. Besonders gefragt sind Berufe in den Bereichen IT (z. B. Fachinformatiker:in), Pflege, erneuerbare Energien, Logistik und digitale Verwaltung. Gleichzeitig senkt der Bund die Hürden: Seit 2024 fördert das „Qualifizierungschancengesetz“ Umschulungen auch für Beschäftigte – nicht nur für Arbeitslose – und übernimmt bei Bedarf bis zu 100 % der Kosten, inklusive Lebenshaltungsunterstützung.
Warum ist das wichtig?
Die Arbeitswelt verändert sich rasant – durch KI, Klimawandel und Demografie. Wer in einer schrumpfenden Branche arbeitet (z. B. klassische Druckindustrie, Einzelhandel, fossile Energien), sieht oft keine Zukunftsperspektive mehr. Doch das Alter ist kein Hindernis: Studien zeigen, dass Menschen über 40 oft motivierter, disziplinierter und sozial kompetenter sind als jüngere Lernende. Zudem bringen sie wertvolle Branchenerfahrung mit, die in neuen Rollen oft einzigartige Vorteile schafft – etwa beim Techniksupport für Kund:innen oder in der nachhaltigen Unternehmensberatung.
Expertenanalyse
„Die größte Hürde ist nicht das Alter – sondern die eigene Einstellung“, erklärt Dr. Meier. „Viele glauben, sie seien zu alt für einen Neuanfang. Doch die Wirtschaft braucht erfahrene, stabile Fachkräfte – besonders in sozialen und technischen Zukunftsberufen.“ Besonders vielversprechend seien hybride Karrieren: Ein ehemaliger Bankkaufmann wird IT-Supporter mit Finanzwissen, eine Erzieherin wechselt in die Pflegeberatung, ein Maschinenbauer qualifiziert sich zur Photovoltaik-Fachkraft. Kritisch sieht sie jedoch die fehlende Information: „Viele wissen nicht, dass Umschulungen heute oft digital, berufsbegleitend oder in Teilzeit möglich sind – und nicht zwangsläufig mit Einkommensverlust verbunden sein müssen.“
Praktische Schritte für einen erfolgreichen Neustart
- Lassen Sie sich beraten: Die Agentur für Arbeit, Jobcenter oder unabhängige Beratungsstellen (z. B. bei IHK/HWK) bieten kostenlose Potenzialanalysen und Karriere-Checks an.
- Prüfen Sie Fördermöglichkeiten: Neben dem Qualifizierungschancengesetz gibt es Zuschüsse über die Bildungsprämie, Aufstiegs-BAföG oder betriebliche Weiterbildungsprogramme.
- Testen Sie vorab: Nutzen Sie kostenlose Online-Kurse (z. B. über IHK-Bildungszentrum, Coursera oder KI-Campus) oder Schnupperpraktika, um den neuen Beruf kennenzulernen.
- Wählen Sie passende Formate: Viele Umschulungen laufen heute in Blended Learning – mit Online-Phasen und Präsenzblöcken – ideal für Berufstätige.
- Nutzen Sie Ihre Stärken: Machen Sie Ihre bisherigen Fähigkeiten (z. B. Organisation, Kundenkontakt, Projektmanagement) zum Vorteil – viele Arbeitgeber schätzen diese „weichen Kompetenzen“.
Fazit
Eine Umschulung nach 40 ist kein Risiko – sondern eine Investition in die eigene Zukunft. Wer sich traut, gewinnt nicht nur neue berufliche Perspektiven, sondern oft auch mehr Sinn, Zufriedenheit und Sicherheit. Wie Dr. Meier abschließend betont: „Ihr Berufsleben ist kein Sprint – es ist ein Marathon mit mehreren Etappen. Und die beste Zeit, eine neue Etappe zu beginnen, ist immer jetzt.“