Autor: Dr. Thomas Bergmann, Leiter der Arbeitsgruppe Finanzinclusion am Deutschen Institut für Verbraucherforschung (Düsseldorf)
Datum: 10. November 2025
Was ist passiert?
Seit 2010 hat Deutschland über 20.000 Bankfilialen verloren – ein Rückgang von mehr als 50 %. Allein im Jahr 2025 schließen die großen Institute wie Deutsche Bank, Commerzbank und Sparkassen bundesweit weitere rund 1.200 Standorte. Betroffen sind vor allem ländliche Regionen, aber auch Randbezirke größerer Städte. Viele Kunden müssen nun 20, 30 oder mehr Kilometer zur nächsten Zweigstelle fahren – oder ganz auf persönliche Beratung verzichten. Gleichzeitig reduzieren die Institute Personal in verbliebenen Filialen und verlagern Services ins Digitale.
Warum ist das wichtig?
Für technikaffine Nutzer mag das kein Problem sein – doch für Millionen von Menschen, insbesondere über 65-Jährige, Menschen mit Behinderungen oder Kunden mit komplexen Finanzfragen (z. B. bei Erbschaften, Vorsorgevollmachten oder Immobilienfinanzierungen), ist die physische Beratung unverzichtbar. Studien zeigen: Fast ein Drittel der über 70-Jährigen nutzt Online-Banking nur eingeschränkt oder gar nicht. Das Filialsterben führt daher rasch zu finanzieller Exklusion – einer Entwicklung, die weder sozial gerecht noch wirtschaftlich nachhaltig ist.
Expertenanalyse
„Banken argumentieren mit Kostendruck und sinkender Nachfrage – doch sie unterschätzen die soziale Funktion der Filiale“, kritisiert Dr. Bergmann. „Eine Bank ist mehr als ein Zahlungsabwickler. Sie ist oft der einzige vertrauenswürdige Ansprechpartner für rechtliche und finanzielle Lebensfragen, besonders in ländlichen Gebieten.“ Er warnt zudem vor einer „Beratungslücke“: „Videochats und Chatbots ersetzen kein empathisches Gespräch über eine Erbauseinandersetzung oder eine Pflegevollmacht.“ Zwar bieten einige Institute mobile Berater oder Kooperationen mit der Post an – doch diese Lösungen sind oft unzuverlässig, unregelmäßig oder auf Basisdienstleistungen beschränkt.
Praktische Tipps für betroffene Kunden
- Prüfen Sie Alternativen in Ihrer Region: Genossenschaftsbanken (Volks- und Raiffeisenbanken) sowie lokale Sparkassen halten oft länger an Filialnetzen fest – ein Wechsel kann sinnvoll sein.
- Nehmen Sie digitale Angebote Schritt für Schritt an: Viele Banken bieten Schulungen zum Online-Banking an – fragen Sie nach. Volkshochschulen und Seniorenvereine helfen ebenfalls kostenlos.
- Nutzung von Postbank-Services: In über 500 Postfilialen können Sie Bareinzahlungen, Überweisungen und Kontoauszüge abrufen – ideal für Grundbedürfnisse.
- Vollmachten rechtzeitig erteilen: Erteilen Sie einer vertrauten Person eine Bankvollmacht oder Generalvollmacht, damit diese im Notfall für Sie handeln kann.
- Fordern Sie schriftliche Beratungsprotokolle an: Bei komplexen Themen wie Testamenten oder Immobilien sollten Sie stets ein schriftliches Protokoll des Beratungsgesprächs verlangen – auch bei Video-Consultings.
Fazit
Das Verschwinden der Bankfiliale ist kein vorübergehender Trend, sondern struktureller Wandel. Doch das bedeutet nicht, dass Kunden machtlos sind. Mit frühzeitiger Planung, Nutzung alternativer Angebote und kluger Vorsorge bleibt finanzielle Selbstbestimmung möglich – auch ohne Filiale um die Ecke. Wie Dr. Bergmann betont: „Finanzdienstleistungen sind ein Grundbedürfnis. Sie dürfen nicht vom Wohnort oder Alter abhängen.“ Wer heute handelt, sichert sich morgen Handlungsspielraum.