Autorin: Prof. Dr. Anja Müller, Leiterin des Zentrums für Konjunkturforschung am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW), Berlin
Datum: 10. November 2025
Was ist passiert?
Im Herbst 2025 haben renommierte Wirtschaftsforschungsinstitute – darunter das ifo Institut, das IWH und das DIW – ihre Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft deutlich nach unten korrigiert. Statt eines moderaten Wachstums von 0,8 % wird nun mit einer Stagnation von lediglich 0,1–0,2 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gerechnet. Ursachen sind vielfältig: hohe Zinsen belasten Investitionen, der globale Außenhandel schwächelt, die Energiewende verläuft langsamer als geplant, und der Fachkräftemangel bremst die Produktivität. Selbst der Arbeitsmarkt zeigt erste Anzeichen einer Abkühlung – etwa in der Industrie und im Baugewerbe.
Warum ist das wichtig?
Wirtschaftliches Wachstum ist kein abstrakter Indikator – es beeinflusst direkt das Leben jedes Einzelnen. Bei Stagnation oder gar Rezession steigt die Unsicherheit: Unternehmen investieren weniger, stellen seltener ein oder kürzen Boni. Lohnerhöhungen fallen geringer aus, staatliche Einnahmen sinken – was wiederum Sozialleistungen oder Infrastrukturprojekte gefährden kann. Gleichzeitig bleibt die Inflation bei rund 3,5 %, sodass reale Einkommen weiter schrumpfen. Für Sparer, Arbeitnehmer und Rentner bedeutet das: Weniger Spielraum, mehr Vorsicht – und ein erhöhtes Risiko finanzieller Engpässe.
Expertenanalyse
„Deutschland steckt in einer strukturellen Schwächephase“, erklärt Prof. Dr. Müller. „Wir sind stark exportorientiert, doch die Weltwirtschaft verändert sich – weg von Globalisierung, hin zu Regionalisierung und Resilienz. Gleichzeitig hinken wir bei Digitalisierung und grüner Transformation hinterher.“ Sie warnt davor, die Lage zu dramatisieren: „Es ist keine Krise, aber eine Phase der Anpassung. Die größte Gefahr ist Passivität.“ Besonders kritisch sieht sie die Kombination aus geradem Wachstum, hoher Inflation und steigenden Zinsen: „Das schafft eine Falle für unvorbereitete Haushalte – etwa bei Immobilienkrediten oder Konsumschulden.“
Praktische Tipps für private Haushalte
- Stärken Sie Ihre finanzielle Pufferzone: Legen Sie mindestens drei bis sechs Monatsgehälter als Notgroschen auf einem Tagesgeldkonto mit 3 %+ Zinsen an – idealerweise bei einer bankenrechtlich regulierten Direktbank.
- Vermeiden Sie neue Konsumschulden: Dispokredite oder Ratenzahlungen bei hohen Zinsen (oft über 8 % p.a.) sollten in unsicheren Zeiten tabu sein.
- Prüfen Sie Ihre Berufssicherheit: Investieren Sie in Weiterbildung, besonders in digitalen oder grünen Kompetenzen – das erhöht Ihre Wettbewerbsfähigkeit am Arbeitsmarkt.
- Diversifizieren Sie Ihre Einkommensquellen: Nebenjobs, passive Einkünfte (z. B. Vermietung) oder fondsgebundene Sparpläne verringern die Abhängigkeit von einem einzigen Gehalt.
- Halten Sie langfristig durch: Wer jetzt panisch aus Aktien oder Fondssparplänen aussteigt, verpasst die Erholungsphase. Historisch erholen sich Märkte stets – wer durchhält, profitiert.
Fazit
Die Verlangsamung des Wachstums ist kein Grund zur Panik – aber ein deutliches Signal zur Vorsicht. Deutschland steht vor strukturellen Herausforderungen, doch private Haushalte können sich schützen: durch Liquidität, Flexibilität und langfristiges Denken. Wie Prof. Müller betont: „In unsicheren Zeiten ist nicht derjenige am stärksten, der am meisten verdient – sondern der, der am klügsten plant.“ Wer heute handelt, sichert sich morgen Handlungsfreiheit.