Autorin: Dr. Claudia Bergmann, Leiterin des Kompetenzzentrums für zukunftsfähige Qualifikationen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (Nürnberg)
Datum: 8. November 2025
Was ist passiert?
In Deutschland ist die Automatisierung längst Realität: Laut dem aktuellen „Industrie 4.0-Monitor“ des VDMA setzen bereits 78 % der produzierenden Unternehmen auf automatisierte Prozesse – von autonomen Transportfahrzeugen in Lagern bis hin zu KI-gestützten Qualitätskontrollen. Doch nicht nur in der Industrie, auch im Dienstleistungssektor übernehmen Software-Roboter (RPA) repetitive Aufgaben wie Rechnungsprüfung, Terminplanung oder Kundenservice-Chats. Gleichzeitig entstehen neue Berufsbilder: Prozessautomatisierer, Mensch-Maschine-Interaktionsdesigner oder Ethikberater für KI-Systeme. Die Bundesagentur für Arbeit prognostiziert, dass bis 2030 über 2,3 Millionen Arbeitsplätzedurch Automatisierung transformiert – nicht eliminiert – werden.
Warum ist das wichtig?
Automatisierung bedeutet nicht den Verlust von Arbeit, sondern eine Neudefinition von Tätigkeiten. Wo Maschinen Daten verarbeiten, muss der Mensch interpretieren. Wo Algorithmen entscheiden, braucht es ethische Begleitung. Wo Prozesse beschleunigt werden, entsteht Raum für Kreativität und Empathie. Für Arbeitnehmer heißt das: Technische Fähigkeiten allein reichen nicht mehr – entscheidend sind jene Kompetenzen, die Maschinen nicht (oder nur schwer) nachahmen können. Gleichzeitig droht eine wachsende Kluft zwischen „Automatisierungs-Gewinnern“ und „Verlierern“, besonders bei gering qualifizierten oder älteren Beschäftigten.
Expertenanalyse
„Die gefragtesten Fähigkeiten der Zukunft sind hybride Kompetenzen“, erklärt Dr. Bergmann. „Es geht nicht mehr um ‚entweder Technik oder Mensch‘, sondern um beides.“ Besonders stark nachgefragt seien drei Kernbereiche:
- Digitale Grundkompetenz: Verständnis für Daten, Algorithmen und Automatisierung – auch ohne Programmierkenntnisse.
- Soziale Intelligenz: Empathie, interkulturelle Kommunikation, Konfliktlösung – Fähigkeiten, die in kollaborativen, diversen Teams unverzichtbar sind.
- Adaptive Problemlösung: Die Fähigkeit, in unklaren Situationen kreative, ethisch fundierte Entscheidungen zu treffen – etwas, das KI bis heute nicht leisten kann.
„Unternehmen suchen nicht mehr nach Spezialisten für eine Maschine, sondern nach Generalisten, die Technik, Mensch und Prozess denken können“, so Bergmann.
Praktische Tipps zur Kompetenzentwicklung
- Erlernen Sie die Sprache der Automatisierung: Nutzen Sie kostenlose Kurse zu Themen wie RPA-Grundlagen, Datenanalyse oder KI-Ethik – etwa über die Plattformen KI-Campus.de, openHPI oder die IHK-Akademien.
- Stärken Sie Ihre „Soft Skills“: Nehmen Sie an Workshops zu emotionaler Intelligenz, agiler Kommunikation oder Design Thinking teil – viele Arbeitgeber fördern solche Maßnahmen.
- Sammeln Sie interdisziplinäre Erfahrung: Engagieren Sie sich in Projekten außerhalb Ihres Kernbereichs – etwa in Nachhaltigkeitsinitiativen oder Digitalisierungsteams.
- Nutzen Sie die Bildungsprämie oder Qualifizierungschancengesetz: Der Staat übernimmt bis zu 100 % der Weiterbildungskosten für Arbeitnehmer in transformierten Branchen.
- Bleiben Sie neugierig: Fragen Sie aktiv nach, wie Automatisierung in Ihrem Bereich eingesetzt wird – und wie Sie mitgestalten können.
Fazit
Automatisierung ist kein Schicksal, sondern eine Gestaltungsaufgabe. Sie wird nicht weniger, sondern anders arbeiten lassen – mit mehr Fokus auf Menschlichkeit, Urteilskraft und Kreativität. Wer bereit ist, sich weiterzuentwickeln, gewinnt nicht nur an beruflicher Sicherheit, sondern auch an Sinn und Einfluss. Wie Dr. Bergmann abschließend betont: „Die Zukunft gehört nicht den Maschinen – sondern den Menschen, die wissen, wie man sie weise einsetzt.“