Autor: Dr. Lukas Meier, Leiter des Digital Logistics Labs am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (Dortmund)
Datum: 9. November 2025
Was ist passiert?
Im Jahr 2025 nutzen bereits über 40 % der großen deutschen Logistikdienstleister und Industrieunternehmen Blockchain-Technologie in ihren Lieferketten – Tendenz steigend. Pioniere wie die Deutsche Bahn (über ihre Tochter DB Schenker), Siemens und BASF setzen auf dezentrale digitale Ledger, um Warenbewegungen, Zollpapiere, Temperaturdaten oder Herkunftsnachweise in Echtzeit zu dokumentieren. Seit Anfang 2025 läuft zudem das EU-weite Pilotprojekt „EU Blockchain for Trade“, an dem auch deutsche Häfen wie Hamburg und Bremen aktiv beteiligt sind. Ziel: papierlose, fälschungssichere und automatisierte Grenzkontrollen.
Warum ist das wichtig?
Die moderne Logistik leidet unter Ineffizienzen: Schätzungen zufolge entstehen allein in Europa jährlich über 20 Milliarden Euro an Kosten durch fehlende Transparenz, manuelle Dokumentation und Betrugsfälle. Ob gefälschte Medikamente, illegales Holz oder manipulierte Kühlketten – ohne nachvollziehbare Herkunft drohen Unternehmen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch reputative Schäden. Zudem verschärfen EU-Vorgaben wie die CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) die Pflicht zur lückenlosen Lieferkettendokumentation. Blockchain bietet hier eine elegante Lösung: Jeder Schritt einer Lieferung wird unveränderlich, transparent und für alle Beteiligten zugänglich gespeichert – ohne zentrale Kontrollinstanz.
Expertenanalyse
„Blockchain ist kein Allheilmittel – aber ein Game Changer für Vertrauen in komplexen Netzwerken“, erklärt Dr. Meier. „Der entscheidende Vorteil liegt in der gemeinsamen Wahrheit: Alle Partner – vom Zulieferer bis zum Zoll – arbeiten mit denselben Daten, ohne sich gegenseitig zu kontrollieren.“ Er betont, dass die Technologie besonders in mehrgliedrigen internationalen Lieferketten wirkt, wo herkömmliche ERP-Systeme an ihre Grenzen stoßen. Kritisch sieht er jedoch den Irrglauben, Blockchain sei sofort für alle einsetzbar: „Viele KMU scheitern, weil sie die Technologie isoliert einführen – ohne Prozessanpassung und Partnerintegration.“ Erfolg brauche Kooperation, klare Standards und realistische Ziele – etwa zuerst bei kritischen Gütern wie Lebensmitteln oder Pharmazeutika.
Praktische Schritte für Unternehmen
- Starten Sie klein, aber strategisch: Wählen Sie einen konkreten Anwendungsfall – etwa die Rückverfolgbarkeit von Bio-Lebensmitteln oder die Authentifizierung von Ersatzteilen.
- Nutzen Sie konsortiale Plattformen: Statt eigene Blockchains zu bauen, treten Sie bestehenden Netzwerken bei – etwa „TradeLens“ (von Maersk und IBM) oder dem deutschen „Blockchain Logistics Alliance“.
- Integrieren Sie IoT-Sensoren: Kombinieren Sie Blockchain mit Temperatur-, Feuchtigkeits- oder GPS-Trackern, um automatisch Echtzeitdaten in die Kette einzuspeisen.
- Schulen Sie Ihr Team: Bieten Sie Mitarbeitern Grundlagenkurse zu Blockchain, Datenschutz (DSGVO-kompatible Lösungen!) und digitalen Verträgen (Smart Contracts) an.
- Prüfen Sie Fördermöglichkeiten: Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr fördert Pilotprojekte im Bereich „Digitale Logistik“ mit bis zu 50 % der Kosten.
Fazit
Blockchain verändert die Logistik nicht über Nacht – aber nachhaltig. Sie schafft Transparenz dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird: in globalen, fragmentierten und regulatorisch überwachten Lieferketten. Für deutsche Unternehmen – gerade im exportstarken Mittelstand – ist die Technologie kein Luxus, sondern ein Wettbewerbsvorteil der Zukunft. Wie Dr. Meier abschließend betont: „In der Logistik von morgen zählt nicht, wer am schnellsten fährt – sondern wer am glaubwürdigsten liefert.“